Best Proposal Award für Beitrag auf der DGPuK Tagung "Kommunikation und Politik"

Best Proposal Award für NCCR democracy Studie

An der diesjährigen Tagung der Fachgruppe "Kommunikation und Politik" (DGPuK) erhielt der Beitrag "Populistische Krisen-Rhetorik: Wie Emotionalisierung und Dramatisierung von populistischen Inhalten deren Wirkung verstärkt" den Best Proposal Award. Autoren sind Dominique. S. Wirz, Anne Schulz, Martin Wettstein, Nicole Ernst, Christian Schemer, Philipp Müller und Werner Wirth. 

Extended Abstract

POPULISTISCHE KRISEN-RHETORIK: WIE EMOTIONALISIERUNG UND DRAMATISIERUNG VON POPULISTISCHEN INHALTEN DEREN WIRKUNG VERSTÄRKT

Theoretischer Hintergrund

Die populistische Krisenrhetorik

Flüchtlingskrise, Medienkrise und Demokratiekrise – populistische Akteure scheinen von Krisen nicht nur zu profitieren, sondern diese auch heraufzubeschwören. Tatsächlich ist das Propagieren von Krisen ein zentrales Element des politischen Populismus (Moffitt 2015). So stellen sich populistische Akteure gerne als unpolitische Personen dar, welche nur wegen einer akuten Krise in die Politik eingreifen (Taggart 2000; Mudde 2004). Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive ist das Beschwören einer Krise als formales Element der populistischen Kommunikation zu bewerten (Bos, van der Brug, & de Vreese, 2013). Bislang wurde jedoch kaum erforscht, ob die Dramatisierung von Ereignissen durch den populistischen Kommunikationsstil tatsächlich zum Erfolg populistischer Akteure beiträgt. Bestehende Forschung zeigt, dass populistische Schuldzuweisungen stärker wirken, wenn diese emotionalisiert werden (Hameleers, Bos, & de Vreese, 2016), und dass die Verwendung von populistischen Stilmitteln bei gewissen Bevölkerungsgruppen die wahrgenommene Legitimität populistischer Akteure positiv beeinflusst (Bos et al., 2013). Ob jedoch die Dramatisierung von Botschaften mit populistischen Stilmitteln alleine ausreicht, oder ob dieser Stil nur in Kombination mit populistischen Inhalten persuasiv wirkt, wurde bisher nicht systematisch untersucht. Die vorliegende Studie, welche eine Medieninhaltsanalyse der Migrationsthematik mit einer Panelbefragung kombiniert, widmet sich dieser Forschungslücke.

Populistische Inhalte und Stilmittel

Unter populistischer Kommunikation werden Statements verstandendie sich gegen die Elite richten, das Volk als positiv konnotierte Einheit beschreiben, und ggf. spezifische Gruppen von diesem Volk ausschliessen (Aalberg, Esser, Reinemann, Stromback, & Vreese, 2016; z.B. Jagers & Walgrave, 2007). Neben dieser inhaltlichen Komponente werden dem Populismus auch gewisse formale Merkmale, wie Dramatisierung, Emotionalisierung und Umgangssprachlichkeit zugeordnet (Bos et al., 2013; Wirth et al., 2016). Studien zur Wirkung populistischer Kommunikation zeigen bisher vor allem, dass inhaltliche Merkmale, wie Schuldzuweisungen an die Elite oder die negative Darstellung von Ausländern, zu negativen Kognitionen über diese Gruppen führen (Hameleers et al., 2016; Matthes & Schmuck, 2017). Ob die Aufladung solcher Inhalte mit populistischen Stilmitteln diese negativen Kognitionen verstärkt, oder ob dadurch zusätzliche die affektive Einstellungskomponente beeinflusst wird, wurde bisher nicht untersucht. Entsprechend werden folgende Hypothese und Forschungsfrage aufgestellt:

H1: Je mehr populistischen Medieninhalten ein Rezipient ausgesetzt ist, desto negativer werden seine Kognitionen gegenüber Migranten.

FF1: Wie wirkt sich die Kombination von populistischen Medieninhalten mit populistischen Stilmitteln auf die Einstellung gegenüber Migranten aus?

Methode und Ergebnisse

Um die aufgestellte Hypothese und Forschungsfrage zu prüfen, wurden eine Inhaltsanalyse und eine Panelbefragung in der Metropolitanregion Zürich durchgeführt. Die 2-wellige Panelbefragung (n=1017) fand im April 2014 und März 2015 statt. Sie diente der Erhebung der Mediennutzung der Befragten und der Messung negativer Emotionen und Kognitionen gegenüber Migranten (je drei Items). Basierend auf den Angaben zur Mediennutzung wurden den Befragten individuell Inhalte aus der Medienberichterstattung zugeordnet. Diese wurden mit einer Inhaltsanalyse durch ein geschultes Team von Codierern erfasst. Einbezogen wurden Artikel zum Thema Migration aus je zwei nationalen Qualitäts- und Boulevardzeitungen, Regional- und Wochenzeitungen während 30 Tagen vor der zweiten Panelwelle. Für jeden Artikel wurde die Darstellung von Migranten (negative Aussagen minus positive Aussagen), populistischer Inhalt (explizit populistische Aussagen minus explizit anti-populistische Aussagen) und populistischer Stil (Anzahl Stilmittel (Emotionalisierung, Dramatisierung, Umgangssprache, Absolutismus)) erhoben. Für jedes Medium wurde anschliessend basierend auf allen Artikeln aus einer Woche das gemeinsame Auftreten von populistischen Inhalten und Stilen berechnet. Basierend auf der individuellen Mediennutzung, wurde den Befragten für jede der vier Variablen ein Mittelwert über alle zugeordneten Artikel zugewiesen. Personen, welchen kein Medieninhalt zugeordnet werden konnte, wurden von der Analyse ausgeschlossen.

Zur Auswertung wurde ein Strukturgleichungsmodell (SEM) mit dem R-Package lavaan erstellt, welches eine gute Passung zu den Daten aufweist (CFI: 0.982, RMSEA: 0.038). Negative Kognitionen und Emotionen gegenüber Migranten zu t2 gingen als latente endogene Variablen in die Analyse ein. Als exogene Variablen wurden die Kognitionen und Emotionen in der ersten Welle sowie die Medieninhaltsvariablen eingesetzt. Nur für eine der vier Medieninhaltsvariablen zeigte sich ein Effekt: Je häufiger eine Person mit negativen Darstellungen von Migranten konfrontiert war, desto negativer wurden auch ihre Kognitionen. Weder populistischer Inhalt noch populistischer Stil hatten einen Einfluss (siehe Tabelle 1). In einem zweiten Schritt wurde das Modell mit mehreren Gruppen gerechnet (Multi-Group SEM), wobei die Befragten über die Stärke ihrer populistischen Voreinstellungen in drei Gruppen eingeteilt wurden (niedrig, mittel, hoch). Auch dieses Modell passt gut zu den vorliegenden Daten (CFI: 0.979, RMSEA: 0.047). Durch die Einteilung zeigt sich, dass der Medieninhalt keinen Einfluss auf Personen hatte, welche sich stark oder schwach mit der populistischen Ideologie identifizieren. Bei Personen mit mittlerer Zustimmung zeigten sich jedoch mehrere Effekte (siehe Tabelle 2). Neben der negativen Darstellung von Migranten wirkte sich sowohl populistischer Inhalt als auch die Kombination von Inhalt und Stil (tendenziell) signifikant auf die Kognitionen zu Migranten aus. Während populistischer Inhalt alleine jedoch nicht persuasiv sondern gegenteilig wirkte, führte die Kombination von Inhalt und Stil zu einer Zunahme von negativen Kognitionen.

Diskussion

Die Resultate zeigen, dass die populistische Krisenrhetorik durchaus eine persuasive Wirkung hat. Während populistische Inhalte alleine nicht auf Zustimmung stossen, scheinen sie in Kombination mit Stilmitteln wie Emotionalisierung und Dramatisierung, also durch das Propagieren einer Krise, ihre Wirkung zu entfalten. Dass dies nur für Personen gilt, welche der populistischen Ideologie weder besonders aufgeschlossen noch abgeneigt sind, ist plausibel; sie sind in ihren Einstellungen nicht so gefestigt und daher eher beeinflussbar. Die durchgeführte Analyse ist durch die Kontrolle von autoregressiven Effekten und durch das Linkage-Verfahren (individuelle Zuweisung der Medieninhalte) sehr konservativ (Scharkow & Bachl, 2017), das macht einerseits die gefundenen Effekte sehr belastbar, andererseits könnten weitere vorhandene Medienwirkungen unterschätzt worden sein. Dies gilt insbesondere, weil populistischen Inhalte und Stile gemäss der vorliegenden Inhaltsanalyse nur sehr selten gemeinsam in einem Artikel vorkommen. Für zukünftige Forschung in diese Richtung wären daher auch Experimentaldesigns empfehlenswert.

Literatur

Aalberg, T., Esser, F., Reinemann, C., Stromback, J., & Vreese, C. D. (2016). Populist Political Communication in Europe. Routledge.

Bos, L., van der Brug, W., & de Vreese, C. H. (2013). An experimental test of the impact of style and rhetoric on the perception of right-wing populist and mainstream party leaders. Acta Politica, 48(2), 192–208. https://doi.org/10.1057/ap.2012.27

Hameleers, M., Bos, L., & de Vreese, C. H. (2016). “They Did It”: The Effects of Emotionalized Blame Attribution in Populist Communication. Communication Research, 0093650216644026. https://doi.org/10.1177/0093650216644026

Jagers, J., & Walgrave, S. (2007). Populism as political communication style: An empirical study of political parties’ discourse in Belgium. European Journal of Political Research, 46(3), 319–345. https://doi.org/10.1111/j.1475-6765.2006.00690.x

Matthes, J., & Schmuck, D. (2017). The Effects of Anti-Immigrant Right-Wing Populist Ads on Implicit and Explicit Attitudes: A Moderated Mediation Model. Communication Research, 44(4), 556–581. https://doi.org/10.1177/0093650215577859

Moffitt, B. (2015). How to Perform Crisis: A Model for Understanding the Key Role of Crisis in Contemporary Populism. Government and Opposition, 50(02), 189–217. https://doi.org/10.1017/gov.2014.13

Scharkow, M., & Bachl, M. (2017). How Measurement Error in Content Analysis and Self-Reported Media Use Leads to Minimal Media Effect Findings in Linkage Analyses: A Simulation Study. Political Communication, 34(3), 323–343. https://doi.org/10.1080/10584609.2016.1235640

Wirth, W., Esser, F., Wettstein, M., Engesser, S., Wirz, D., Schulz, A., … others. (2016). The appeal of populist ideas, strategies and styles: A theoretical model and research design for analyzing populist political communication. Retrieved from http://www.nccr-democracy.uzh.ch/publications/workingpaper/pdf/wp_88.pdf