Kolumne des Gastprofessors Christoph Neuberger

Portrait

Loblied auf das IKMZ und die Schweiz

Meine fünf Monate in Zürich sind leider viel zu schnell zu Ende gegangen. Der Aufenthalt ist keine Auszeit für mich gewesen (denn es gab genug zu tun) – eher ein Tapetenwechsel: die Gelegenheit, ein anderes Land, ein anderes Institut ken­nen­zulernen. Am IKMZ habe ich mich wie ein Praktikant gefühlt. Also: keine Pflichten haben, keine Verantwortung tragen müssen, bei In­sti­tutsterminen entspannt dabei­stehen, keine Reden halten müssen, nur beobachten, wie das Institut funktioniert. Das war lehrreich. Es erinnerte mich an mein erstes Praktikum, als ich Schüler war und in den Sommerferien für eine Lokalzeitung schreiben durfte.

Nun, was ich bisher gesagt habe, klang recht harmlos. Vielleicht ist meine Mission eine ganz andere gewesen: Vielleicht hat mich das Münchner Institut als Spion nach Zürich entsandt, um – nein, keine Daten-CD – die Erfolgsformel des IKMZ zu klauen. Wir wähnen uns in München ja auf Augenhöhe mit dem Züricher Institut. Das sagen jedenfalls die Rankings, in denen wir uns meist ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern.

Was habe ich entdeckt, das wir in München unbedingt kopieren müssen? Weißer Kapitäns-Anzug – statt Talar. Bei unseren Institutsfeiern treten wir im Talar auf: ein langer, violetter Umhang, auf dem Kopf ein Barett, weiße Handschuhe. So ziehen wir Profs zur Zeugnisverleihung ein – sehr ehrwürdig, aber auch unförmig. Das Ein­klei­den ist so umständlich, dass wir Hilfe brauchen. Außerdem denken sicher viele, die uns so sehen, an das 68er-Motto: „Unter den Talaren, der Muff von tausend Jah­ren.“

Frank Esser als Sascha Hehn am „Tag der Kommunikation“ – das ist natürlich eine ganz andere Num­mer. Der weiße Kapitäns-Anzug ist viel eleganter und zeitgemäßer, macht eine bessere Figur und schafft eine Traumschiff-Wohlfühl-Atmosphäre.

Über­haupt: die hiesige Feierkultur. Die vielen Aperos, die zwanglosen Gele­gen­heiten, bei einem Glas Wein ins Gespräch zu kommen. Das ha­be ich sehr zu schätzen gelernt.

Was mich besonders gefreut hat, das waren die vielen Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen über inhaltliche Fragen. In Kolloquien, beim Mittagessen, auch ganz spontan. Ich habe immer ein echtes Inte­resse an meiner Arbeit gespürt. Ich danke allen herzlich, die sich Zeit für mich genommen haben und sich auch unausgereifte Ideen angehört ha­ben. Ein paar Pläne sind daraus entstanden, die mich weiter mit Zürich verbinden werden.

Der Start in einer neuen Umgebung, gar in einem anderen Land ist im­mer mit Anlaufschwierigkeiten verbunden: Wo beantrage ich den Aus­länder­ausweis? Wie funktionieren Mülltrennung und Fahrkar­ten­auto­maten? Ich konnte auch wieder mein besonderes Talent ausleben, an schlichten Alltags­dingen zu scheitern. Schon am zweiten Tag hatte ich meine UZH-Card verloren und noch dazu den Brief, in dem mei­ne Passwörter standen. Später lag alles in meinem Postfach. Werner A. Meier hatte sie am Kopierer gefunden.

Mir war auch nicht von Anfang an klar, dass die Notenskala im Vergleich mit Deutschland in der Schweiz umgedreht ist. Die beiden Studentinnen, die mich früh im Semester nach der Note für ihr Referat gefragt haben, haben mit erstaunlichem Gleichmut hingenommen, dass ich ihre als ‚gut‘ kommentierte Leistung mit ‚zwei‘ bewerten wollte.

Dass am Institut ansonsten alles so wunderbar glatt lief, habe ich vor allem der Eingliederungshilfe von Bettina und Karin zu verdanken. Was natürlich auch für das IKMZ spricht: die wunderbare Stadt, die un­gewöhnliche Mischung aus kleinstädti­schem Idyll und weltstädtischem Flair, die herrliche Landschaft, der schöne Zürisee, die Bergkulisse.

Wir leben in München sehr viel bescheidener. Wenn ich in München aus dem Büro­fenster schaue, dann sehe ich die weiße Mauer, die das Institut abgrenzt. Sie ist frisch gestrichen worden, also recht ansehnlich. Dahinter kommt aber eigentlich nicht mehr viel: Gestrüpp – Sträucher, ein paar Bäume, Rasen. Der Englische Garten. Der Chi­nesische Turm, Luftlinie 200 Meter vom Institut entfernt. Drum­herum einer der größten Biergärten Münchens: Weißwürste, Schweins­haxe, volle Bierkrüge und Blasmusik. Auf der anderen Seite des Engli­schen Gartens ist Schwabing. Zum Baden am Isarstrand haben wir es in die Gegenrichtung auch nicht weit. Etwas südlich vom Ins­titut ist die Surfwelle am Eisbach. Aber sonst ist da nichts ...

Ach ja: die Kunstmuseen, die Allianzarena mit dem FC Bayern, das Hof­bräuhaus, Oktoberfest, BMW. Die Seen im Süden, dahinter das Alpen­panorama.

Wir leben also in recht einfachen Verhältnissen in München, verglichen mit Zürich. Wer München trotzdem sehen will, den lade ich schon jetzt herzlich für 2020 zur DGPuK-Tagung nach München ein!

Übrigens habe ich den Eindruck, dass nicht nur München Zürich be­ob­achtet. Mir scheint, das passiert auch in der Gegenrichtung: Als ich im Februar hier anfing, bin ich gefragt worden, wo ich herkomme. Ich sagte: aus München, Institut für Kom­mu­ni­ka­tionswissenschaft und Me­dien­forschung. Von diesem Moment an dauerte es keine 50 Tage mehr, bis das Züricher Institut unseren Namen kopiert hat und sich nun ebenfalls „Institut für Kommunikationswissenschaft und Me­dien­for­schung“ nennt. Wir sind großzügig und sehen es gerne, wenn uns andere Institute nacheifern!

Was neu für mich war: Dass ich einen gläsernen Arbeitsplatz habe und von vielen Büros auf fünf Stockwerken von der anderen Seite aus beobachtet werden kann. Das zwingt zu erhöhter Selbstkontrolle, zum permanenten Einhalten zivi­ler Mindest­standards. Also: kein Nasebohren, kein Coladosen-Schlür­fen oder gar Schlim­meres.

Mein größter Glücksmoment? Den hatte ich, als mir in der Vorlesung ein Student widersprochen hat – ich wiederhole:   w i d e r s p r o c h e n   hat. Ich habe noch nie ein Au­dito­rium gehabt, das so gebannt zugehört hat. Aber auch noch nie eines, das so still war.

Wenn ich im Vorfeld meines Aufenthalts berichtet habe, dass ich ein Semester in der Schweiz sein werde, dann war immer wieder von den, nun ja, Friktionen die Rede, die es im Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen geben soll. Davon habe ich im Alltag, ehrlich gesagt, nichts mitbekommen. Im Gegenteil: Schweizerinnen und Schweizer sind ausnehmend freundlich und zuvorkommend.

Nur in den Medien, so hatte ich das Gefühl, wird der nördliche Nachbar sehr kritisch beäugt – vor allem, wenn es um den Sport geht. Ich stamme ja aus der Fußballstadt München. SRF2 hat in den K.O.-Runden alle Spiele des FC Bayern in der Champi­ons League über­tragen. Da konnten die Bayern auch 5:0 gegen Istanbul führen – die Skepsis der Schweizer Kommentatoren blieb. Ein anderes Beispiel: Kurz vor der Weltmeister­schaft hat die NZZ eine Doppelseite dem Komplett­ver­sagen des deut­schen Fußballs gewidmet. Die Bundesliga wird da­rin als „eine Art experi­men­telles, durchgeknalltes Provinzkaba­rett“ be­zeichnet. Die deutschen Klubs hätten sich „einer kindisch-verbiesterten, vom Ver­band peinlichst überwachten Solidität ver­schrieben. Unter der grauen Fahne der Nachhaltigkeit exerzieren sie den sozial­demo­kratischen Ge­rechtig­keitsanspruch in einem Feld, das nur Gewinner und Verlierer kennen sollte. Sicher, der Eintritt kostet wenig, doch geboten wird selbstverständlich noch weniger.“

Inzwischen hat uns leider die WM belehrt, dass die NZZ doch nicht so falsch gelegen hat. Das Schweizer Team war erfolgreicher als das deutsche. Gratulation dazu!

Vielen Dank für den schönen Aufenthalt und auf Wiederluege!