Otfried Jarren 65 Jahre

Portrait

Heute, am 9. November 2018, feiert Otfried Jarren seinen 65. Geburtstag. Seit 1997 ist er Ordinarius für Publizistikwissenschaft am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Er wirkte zunächst zehn Jahre als Direktor unseres Instituts, bevor er acht Jahre als Prorektor Geistes- und Sozialwissenschaften in der Universitätsleitung amtete. Für seine Beiträge zur Medienpolitik und seine Verdienste als Wissenschaftsmanager wurde der 2018 mit dem renommierten Schaderpreis ausgezeichnet. Die Jury lobte ihn als «herausragenden Wissenschaftler und erfolgreichen Vermittler» zwischen den Disziplinen und in die gesellschaftliche Praxis. Seit 2013 berät er die Schweizer Regierung in seiner Funktion als Präsident der Eidgenössischen Medienkommission; seit 2016 ist er Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin. Seine grosse Lebensleistung verdankt er sechs Charaktereigenschaften.

Otfried ist Institution Builder. Dass aus einem kleinen Zürcher Nebenfachstudiengang eines der in Europa führenden kommunikationswissenschaftlichen Institute wurde ist Otfried zu verdanken. Er etablierte eine Kultur an unserem Institut, die bis heute nachwirkt. Er steht für eine Art von Kollegialität, die auf flachen Hierarchien, gemeinschaftlicher Zielverfolgung und konsensuellen Lösungen beruht. Er etablierte eine «good governance»-Struktur, die einen pfleglich-freundschaftlichen Umgang mit der Orientierung an hochstehenden Zielen verbindet. Auch den Namenswechsel von IPMZ zu IKMZ (Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich) trug Otfried mit, obwohl er die Publizistikwissenschaft mit vollem Herz vertrat. Es ging ihm immer um die gesellschaftspolitisch relevante «Publizistik» sowie darum, dass unser Fach gesellschaftspolitisch relevantes Wissen produziert. Allerdings hat der Bedeutungsaufstieg der sozialen Medien auch bei ihm zu vielen Neujustierungen geführt.

Otfried ist Governance-Experte. Als Medienpolitik-Forscher war Otfried früh zur Einsicht gekommen, dass komplexe Institutionen nicht gesteuert werden können, sondern zur Selbstregulierung befähigt werden müssen. Otfried vollzog einen Schritt von Government- zu Governance-Ansätzen, bei denen die relevanten Akteure in Verhandlungsforen eingebunden und mittels Kommunikation auf übergreifende Ziele verpflichtet werden. Dass er diese Einsichten der Medienpolitikforschung auch auf das Hochschulmanagement übertrug war eines der Erfolgsrezepte von Otfried. Wie die Medien werden auch die Universitäten von allen Seiten beobachtet und bewertet; wie die Medien müssen sich auch die Universitäten beständig erklären. Dazu müssen sie aber auch selbst Klarheit darüber verschaffen, was sie wollen und wofür sie stehen. Dies bedarf eines ständigen Dialogs nach innen und aussen – und dies hat Otfried uns beispielhaft vorgelebt.

Otfried ist Kommunikator und Netzwerker. Dialog und Kommunikation sind Kernkompetenzen von Otfried. Er ist mit allen im Gespräch und nimmt sich immer Zeit für einen Termin. Was andere als eine Belastung empfänden ist für ihn sein Lebenselixier. Er legt grössten Wert auf persönliche Beziehungen und hat auf dieser Ebene ein Elitennetzwerk um sich herum aufgebaut, das in Grösse und Kaliber seines gleichen sucht. Es erstreckt sich nicht nur über Disziplin- und Ländergrenzen, sondern bis weit in die Politik hinein. Otfried bewirkt vieles, weil seine Ideen und seine Person überzeugen. Sein Rat ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleichermassen gefragt, was sich in einer Fülle an Gremienfunktionen, Mandaten, und Gutachten niederschlägt. Er verfügt über einen unvergleichlichen Einblick in alle Bewegungen und Entwicklungen des Faches samt seiner wissenschaftspolitischen Kontexte. Seine Lageanalysen sind stets systematisch, analytisch und argumentativ überzeugend. Er ist ein aufmerksamer, erinnerungssicherer Zuhörer; nie abgehoben und als Gesprächspartner stets erreichbar geblieben.

Otfried ist Vordenker des Faches. Ihn hat seit jeher die Frage umgetrieben, in welche Richtung sich die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft weiter entwickeln soll. Er ist einerseits einer der wenigen Universalgelehrten geblieben, die ständig das grosse Ganze im Blick haben; er hat andererseits eigene Ansätze und Konzepte entwickelt (z.B. Medien als Institutionen, Media Governance). Zudem hat er handfeste Institutionen geschaffen bzw. geprägt (u.a. das Netzwerk Medienstrukturen sowie das Hans-Bredow-Institut). Vor allem hat er unser Fach in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht. Mit scheinbar nie versiegender Energie wirkt er als Botschafter, der die Belange des Faches gegenüber politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen wirkungsvoll vertritt. Dabei hat er den Mut, in brisanten hochschul- und medienpolitische Debatten einzugreifen und Stellung zu beziehen. Durch seine vielen Leitungspositionen hat er – nicht nur in Zürich – viel für die Reputation unseres Faches getan.

Otfried ist überzeugungsstark. Otfried ist auf der «Makroebene» fest von Öffentlichkeit als hohem Gut überzeugt, und er lebt diese Credo auf «Mikroebene», indem er alle Probleme kommunikativ angeht und auf öffentliche Problembearbeitung setzt. Damit passt er vorzüglich in die Schweiz. Er ist zudem vom Wert der Demokratie und vom Wert rationaler Diskurse überzeugt. Aus diesen Überzeugungen zieht er Kraft, auch wenn es stürmisch wird. Solche ungemütlichen Zeiten hat er erlebt und gemeistert (z.B. als er angegriffen wurde wegen seines Einsatzes gegen die NoBillag-Initiative oder als er in einer Krisenphase die Leitung der Universität Zürich als Rektor ad interim übernahm). Neben der Überzeugung, für eine gute Sache zu kämpfen, half ihm immer sein Wissen, nicht alleine zu stehen. Sein stützendes Netzwerk gab ihm hier Sicherheit.

Otfried ist Mentor. Er blieb dauerhafter Förderer seiner Freunde und Schüler und prägte in vielen Funktionen die nächste Forschergeneration mit. Otfried verwendet einen Grossteil seiner Zeit darauf, anderen Möglichkeiten zu eröffnen – sei es in der Ulrich Saxer-Stiftung, als Doktorvater, als Gutachter oder als Berater in der grossen Politik. Er hält Kontakt zu alten und neuen Weggefährten, pflegt lebenslange Freundschaften, baut Bindungen zu Menschen auf. Er ist bis heute mit seinen früheren beruflichen Stationen (Hans Bredow Institut, FU Berlin) engstens verbunden.

Otfried bleibt uns erhalten. Viele von uns haben von seiner Freundschaft und Förderung ausserordentlich profitiert und sind sehr froh, dass er unserem Institut über seine Emeritierung erhalten bleibt. Weil Otfried die Hochschulpolitik nicht nur in praktischer, sondern auch in wissenschaftlicher Hinsicht fasziniert, lag ihm die Gründung des universitären Kompetenzzentrums CHESS (Center for Higher Education and Science Studies) besonders am Herzen. Es ist zum Glück bei uns am IKMZ angesiedelt (Leitung: Mike Schäfer) und es bietet das ideale Umfeld für Otfried, um sich die nächsten drei Jahre verschiedenen Projekten zur Hochschulkommunikation im Auftrag der Zürcher Universitätsleitung zu widmen. Es fühlt sich sehr gut an, Otfried auch über seinen 65. Geburtstag hinaus in unserer Nähe zu haben. Wir wünschen dem Jubilar anhaltende Schaffenskraft bei uns am IKMZ.

Frank Esser, für das ganze Institut

[ebenfalls erschienen in "Publizistik", Heft 4/2018]